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	<title>Textexperiment kreativ</title>
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	<description>Die Story von Ann</description>
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		<title>Oma und Opa und Das-verstehst-du-nicht-Syndrom</title>
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		<pubDate>Sun, 15 Aug 2010 18:44:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[2 Meine Oma war eine besondere Person. Besonders bedeutet nicht zwangsläufig besonders toll, sie hatte es meiner Mutter nicht leicht gemacht. Sicherlich war es auch für Oma nicht einfach, dass mein Opa während des Krieges sein Leben riskieren musste und &#8230; <a href="http://www.textexperiment.de/2010/08/oma-und-opa-und-das-verstehst-du-nicht-syndrom/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>2</strong></p>
<p>Meine Oma war eine besondere Person. Besonders bedeutet nicht zwangsläufig besonders toll, sie hatte es meiner Mutter nicht leicht gemacht. Sicherlich war es auch für Oma nicht einfach, dass mein Opa während des Krieges sein Leben riskieren musste und all seine männlichen Geschwister verlor. Einer seiner Brüder, mein Großonkel, wurde vom Himmel geschossen und wirbelte als grausames, menschliches Konfetti  inmitten der flammenden Flugzeugtrümmer gegen den Erdboden. Mein Opa selbst verdankte sein Leben einem Russen, der Mitleid mit dem zitternden, jungen Deutschen vor ihm hatte und ihn laufen ließ. Es hätte anders ausgehen können. So gesehen war mein Leben noch vor meiner Zeugung abhängig von einem verdreckten Russen in einem unwirtlichen Kriegsgebiet, der sich beim Anblick meines damals blutjungen Großvaters vielleicht an seine mittlerweile sinnlos zerfetzten Brüder erinnerte.</p>
<p>Ich entsinne mich an eine Begebenheit mit meinem Opa, sie muss wenige Wochen vor Omas Tod passiert sein. Wir besaßen im Dorfkern ein Zweifamilienhaus, im oberen Stockwerk wohnten meine Eltern mit meinen Geschwistern und mir, im Erdgeschoss lebten Oma und Opa. An irgendeinem Abend suchte ich meine Mutter und ich hörte sie durch das kühle Treppenhaus  in der Etage meiner Großeltern lachen. Im nagelneuen Nachthemd tapste ich die Treppe hinunter zu den Erwachsenen und ich ging zu Opa. Als ich ihn spaßeshalber mit meinen schwachen Kleinmädchenfäusten in den runden Bauch boxte, stieß er mich auf einmal von sich und blickte auf mein Nachtgewand, auf dem ein Stern aufgebracht war.<br />
„Du bist ein Jude!“, grinste er schräg und deutete auf den Stern. „Ein Jude bist du, Marianne.“<br />
Ich verstand als kleines Mädchen nicht was er mit seiner Aussage meinte. Mit vier Jahren waren mir die deutsche Vergangenheit und die meines Großvaters noch nicht bekannt. Ich wusste nicht mal was ein Jude geschweige denn das Judentum war.<br />
„Was ist ein Jude?“, hakte ich daher mit kindlicher Neugier nach.<br />
Er überging meinen Wissensdurst mit mich kitzelnden Fingern. „Das verstehst du nicht.“<br />
Wie hätte ich auch eine andere Antwort erwarten können. Schlimm, dass ein sechszackiger Stern noch in den Achtzigern eine solche Reaktion bei ihm auslöste. Es war aber nur ein Spaß von Opa, denn er war alles andere als ein Nazi, er war ein herzensguter Mensch. Das bewies nicht nur die von ihm aufgebrachte Geduld mit Oma und uns Kindern.</p>
<p>Die Erwachsenen meiner Familie waren im Übrigen allgemein der Ansicht, dass Kinder keine Menschen, sondern knuddelige Befehlsempfänger mit Liebkosungsfaktor waren, die nichts verstanden. Würde ich zusammenzählen, wie oft meine zwei Brüder und ich <em>Das verstehst du nicht!</em> zu hören bekamen, wahrscheinlich würde ich noch heute eine Strichliste führen, die die Länge der Chinesischen Mauer längst überschritten hätte.</p>
<p>Meine Oma schätzte sich jedenfalls sehr glücklich, einen Mann wie meinen Opa gefunden zu haben, denn es war ihnen nur ein Kind vergönnt: meine Mutter. Damit hatten sie keinen Stammhalter für die Familie gezeugt, aber Opa hatte Verständnis. Es muss eine schwierige Geburt gewesen sein, wegen der sie kein weiteres Kind mehr unter ihrem Herzen erleben durfte. Mehr wurde nie zu den Hintergründen erzählt, denn selbst meine Mutter galt als erwachsene Frau immer noch als Kind ihrer Eltern und musste ebenfalls mit dem <em>Das-verstehst-du-nicht-Syndrom</em> leben.<br />
Wahrscheinlich lag bei der erzwungenen Einzelmutterschaft meiner Oma der Kern begraben, weshalb sie meiner Mama gegenüber gehässig reagierte und mich lieber als zerstückelten, abgetriebenen Zellhaufen sehen wollte.<br />
„Es wird eh wieder ein Junge! Lass es wegmachen!“, schleuderte sie ihr ziemlich barsch ins Gesicht. Meine Mutter ließ sich davon nicht beeinflussen, lehnte eine Abtreibung ab und bekam ihr drittes Kind. Der Beweis dafür bin ich und ich bin trotz Omas geistiger Glaskugelleserei ein Mädchen geworden.</p>
<p>Zum ersten Mal wurde meine Mama früh und unverheiratet mit meinem ältesten Bruder schwanger. Unverheiratet geschwängert und sitzen gelassen worden zu sein war in einem katholischen Bayerndorf auch Ende der sechziger Jahre noch ein Drama. Meine Großeltern waren alles andere als begeistert von diesen Neuigkeiten und doch konnten sie nichts anderes tun als meine Mutter unterstützen. Der hohe Preis, den Mama dafür bezahlte: Sie wurde fortan wie eine billige, unbezahlte Putzkraft von meiner Oma missbraucht. Nette Worte fand Oma nicht für sie, nur für ihre Enkelkinder und für die nach Tratsch süchtigen Nachbarinnen.</p>
<p>Als mein Bruder ein Jahr alt war lernte meine Mutter meinen Vater beim Tanzen kennen. Ein Wunder, dass Oma für das seltene Vergnügen meiner Mama auf das Baby aufgepasst hatte. Vielleicht hoffte sie einfach, dass ihre Tochter einen Mann fände, der sie trotz Kegel heiraten würde. Genau dies geschah wie durch ein Wunder auf der Tanzveranstaltung und der Grundstein für die Ehe meiner Eltern war gelegt, die meinen zweiten Bruder und mich hervorbrachte. Dass mein älterer Bruder mein Halbbruder war, erfuhr ich erst mit acht Jahren – und er selbst mit siebzehn. Wahrscheinlich dachten sich die Erwachsenen unserer Familie als sie ihm viel früher die Wahrheit hätten sagen müssen <em>Das versteht er nicht</em>. Und so wurde darüber olympisch geschwiegen.</p>
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		<title>Dorfidylle und ein Sarg</title>
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		<pubDate>Thu, 12 Aug 2010 15:41:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[Ich verbiege mich nicht und doch verbog ich mich zu oft. Verbogene Dinge gehören zu mir seit ich begriff, dass meine Welt nicht normal ist. Nichts ist normal und doch ist alles normal. Anders ist ein Grundtenor meiner Erfahrungswelt. Ich &#8230; <a href="http://www.textexperiment.de/2010/08/dorfidylle-und-ein-sarg/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ich verbiege mich nicht und doch verbog ich mich zu oft.<br />
Verbogene Dinge gehören zu mir seit ich begriff, dass meine Welt nicht normal ist.<br />
Nichts ist normal und doch ist alles normal.<br />
Anders ist ein Grundtenor meiner Erfahrungswelt. Ich war immer anders.<br />
Ich <em>bin</em> anders. Und doch bin ich wie andere.<br />
Ich bin Ann.</p>
<h3>1</h3>
<p>Trotz unausgesprochener Familiengeheimnisse und eines Vaters, der Alkoholiker war, erlebte ich meine Kindheit als geborgen. Die dörfliche Schein-Idylle trug ihren Teil dazu bei. Am schärfsten brannten sich mir sonntägliche Kirchgänge mit meinem Vater ins Gedächtnis, die mich oben vom Chorboden mit glänzenden Augen nach unten starren ließen. Manchmal stellte ich mir nasebohrend vor wie es wohl wäre von dort oben auf die großen, nackten Fliesen zu klatschen, bis mich mein Vater ermahnte, den Finger aus der Nase zu nehmen. Von den sich wiederholenden Glaubens-Festivitäten begeisterte mich am meisten die Erstkommunion und ließ mich von meiner träumen. In meinem kleinen, bayerischen Heimatdorf war diese Feierlichkeit ein Highlight. Meine eigene Erstkommunion war ein Drama. Wegen mir.</p>
<p>Wie in meinen schönsten Träumen der Jahre zuvor verließ ich die Kirchbänke nämlich am Ende der katholischen Zeremonie mit allen aufgehübschten Kindern und schritt aus dem Gotteshaus. Das kam in den Augen einiger Hardcore-Gläubiger Gotteslästerung gleich und sie ließen es mich spüren. Ich schiebe meinen Fauxpas noch heute auf den sauren Messwein, der uns verwandelt in Blut Christi  zu trinken gereicht wurde.</p>
<p>Von oben vom Chorboden aus betrachtet gefiel mir einfach dieses Bild des synchronen Hinausgehens in meiner kindlichen Fantasie. Von unten betrachtet gefiel es dem Pfarrer und den Kommunionshelfern in der Realität nicht, dass ich den gottesehrerbietigen Knicks und das Kreuzzeichen vor dem Altar überging. Wegen mir versäumten alle frischen Vollkatholiken diesen wichtigen Akt, die zum ersten Mal den Leib Christi in Form einer Oblate und sein alkoholisiertes Blut empfangen hatten. Wie eine dumme Herde christlicher Schäfchen trotteten die Kommunionskinder in ihren weißen Kleidern und dunklen Anzügen hinter und neben mir her, hinaus in den strahlenden Sonnenschein. Als sei ich Jesus und sie meine Jünger.</p>
<p>Draußen fiel es auch der dümmsten Kartoffel auf – wir hatten trotz der unzähligen Proben gepatzt. Ich hatte gepatzt! Obwohl ich es nicht wollte hatten die Verantwortlichen mich auf die vorderste Kirchbank ganz nach außen und damit in die Verantwortung gezwungen. Mit üblem Ausgang. Ich fühlte mich beschissen. Andererseits: Mein Traum von früher hatte sich erfüllt. Die unheilige Macht meiner Träume – sie hatte begonnen.</p>
<p>Jahre zuvor hätte der Tod meiner Oma viel traumatisierender sein müssen als mein Kommunionsdebakel. (Von dem ich übrigens durch tagelanges Heulen genas.) Niemand befand es jemals aus meiner Familie für nötig, einer Vierjährigen zu erklären, warum Oma nicht mehr zurückkommen würde, warum sie weg war, wohin sie gegangen war. Das endgültige Ereignis wurde totgeschwiegen. Totschweigen hätte für unsere Familie eine olympische Disziplin werden müssen. Wir hätten den Goldmedaillenrang gerockt.</p>
<p>Was damals niemand wusste: Ich hatte mit großen Kinderaugen meine Oma in ihrem Sarg liegen sehen. Heimlich hatte ich mich auf meinen kurzen Beinen hinzu geschlichen, meinen Teddy fest an mich gepresst. Ich beobachtete den vor Anstrengung im Gesicht krebsroten Bestatter und seinen keuchenden Kollegen. Wie sie den leblosen Körper in den weiß ausgelegten Sarg hoben und darin betteten. Der Anblick ließ durch meinen Körper Ruhe fließen und Bilder des Friedens vor meinen Augen aufsteigen. Es war kein verstörendes, sondern ein heimisches Gefühl, das mich überkam.</p>
<p>Die Tränen meiner Mutter und die der anderen Trauergäste am Tag der Beerdigung verstörten mich jedoch schon etwas. Nicht aber die Tote. Ich bewunderte abgelenkt das farbenfrohe Blumenmeer um uns herum, das im harten Kontrast zur schwarz gekleideten Schar Menschen stand. Die Ansprache des Pfarrers geriet dabei in meinen Ohren zu einem unbedeutenden Rauschen. Noch heute höre ich aber das dumpfe, sich wiederholende Plok! als die Trauergäste nacheinander ein Schäufelchen voll dunkelster Erde und Blumen auf den teuren Eichensargdeckel warfen. Weihwasser spritzte in wilden Kaskaden über dem herabgelassenen Sarg tief in die Grube. Meine Mutter hielt mich derweil so fest an der Hand, dass es schmerzte. Der Leichenschmaus, dessen Name ebenso makaber war wie das neuerlich fröhlich-gezwungene Verhalten der Gäste, verscheuchte meine Frage, warum so viel geweint werde. Nur eine Antwort hatte mir Mutter noch am offenen Grab verheult zugeraunt: Das verstehst du nicht.</p>
<p>Jahre später erfuhr ich, dass die Tote, meine Oma, meine Abtreibung verlangte, als sie von meiner Mutter von der keimenden Frucht in ihr erfahren hatte.</p>
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