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Meine Oma war eine besondere Person. Besonders bedeutet nicht zwangsläufig besonders toll, sie hatte es meiner Mutter nicht leicht gemacht. Sicherlich war es auch für Oma nicht einfach, dass mein Opa während des Krieges sein Leben riskieren musste und all seine männlichen Geschwister verlor. Einer seiner Brüder, mein Großonkel, wurde vom Himmel geschossen und wirbelte als grausames, menschliches Konfetti inmitten der flammenden Flugzeugtrümmer gegen den Erdboden. Mein Opa selbst verdankte sein Leben einem Russen, der Mitleid mit dem zitternden, jungen Deutschen vor ihm hatte und ihn laufen ließ. Es hätte anders ausgehen können. So gesehen war mein Leben noch vor meiner Zeugung abhängig von einem verdreckten Russen in einem unwirtlichen Kriegsgebiet, der sich beim Anblick meines damals blutjungen Großvaters vielleicht an seine mittlerweile sinnlos zerfetzten Brüder erinnerte.
Ich entsinne mich an eine Begebenheit mit meinem Opa, sie muss wenige Wochen vor Omas Tod passiert sein. Wir besaßen im Dorfkern ein Zweifamilienhaus, im oberen Stockwerk wohnten meine Eltern mit meinen Geschwistern und mir, im Erdgeschoss lebten Oma und Opa. An irgendeinem Abend suchte ich meine Mutter und ich hörte sie durch das kühle Treppenhaus in der Etage meiner Großeltern lachen. Im nagelneuen Nachthemd tapste ich die Treppe hinunter zu den Erwachsenen und ich ging zu Opa. Als ich ihn spaßeshalber mit meinen schwachen Kleinmädchenfäusten in den runden Bauch boxte, stieß er mich auf einmal von sich und blickte auf mein Nachtgewand, auf dem ein Stern aufgebracht war.
„Du bist ein Jude!“, grinste er schräg und deutete auf den Stern. „Ein Jude bist du, Marianne.“
Ich verstand als kleines Mädchen nicht was er mit seiner Aussage meinte. Mit vier Jahren waren mir die deutsche Vergangenheit und die meines Großvaters noch nicht bekannt. Ich wusste nicht mal was ein Jude geschweige denn das Judentum war.
„Was ist ein Jude?“, hakte ich daher mit kindlicher Neugier nach.
Er überging meinen Wissensdurst mit mich kitzelnden Fingern. „Das verstehst du nicht.“
Wie hätte ich auch eine andere Antwort erwarten können. Schlimm, dass ein sechszackiger Stern noch in den Achtzigern eine solche Reaktion bei ihm auslöste. Es war aber nur ein Spaß von Opa, denn er war alles andere als ein Nazi, er war ein herzensguter Mensch. Das bewies nicht nur die von ihm aufgebrachte Geduld mit Oma und uns Kindern.
Die Erwachsenen meiner Familie waren im Übrigen allgemein der Ansicht, dass Kinder keine Menschen, sondern knuddelige Befehlsempfänger mit Liebkosungsfaktor waren, die nichts verstanden. Würde ich zusammenzählen, wie oft meine zwei Brüder und ich Das verstehst du nicht! zu hören bekamen, wahrscheinlich würde ich noch heute eine Strichliste führen, die die Länge der Chinesischen Mauer längst überschritten hätte.
Meine Oma schätzte sich jedenfalls sehr glücklich, einen Mann wie meinen Opa gefunden zu haben, denn es war ihnen nur ein Kind vergönnt: meine Mutter. Damit hatten sie keinen Stammhalter für die Familie gezeugt, aber Opa hatte Verständnis. Es muss eine schwierige Geburt gewesen sein, wegen der sie kein weiteres Kind mehr unter ihrem Herzen erleben durfte. Mehr wurde nie zu den Hintergründen erzählt, denn selbst meine Mutter galt als erwachsene Frau immer noch als Kind ihrer Eltern und musste ebenfalls mit dem Das-verstehst-du-nicht-Syndrom leben.
Wahrscheinlich lag bei der erzwungenen Einzelmutterschaft meiner Oma der Kern begraben, weshalb sie meiner Mama gegenüber gehässig reagierte und mich lieber als zerstückelten, abgetriebenen Zellhaufen sehen wollte.
„Es wird eh wieder ein Junge! Lass es wegmachen!“, schleuderte sie ihr ziemlich barsch ins Gesicht. Meine Mutter ließ sich davon nicht beeinflussen, lehnte eine Abtreibung ab und bekam ihr drittes Kind. Der Beweis dafür bin ich und ich bin trotz Omas geistiger Glaskugelleserei ein Mädchen geworden.
Zum ersten Mal wurde meine Mama früh und unverheiratet mit meinem ältesten Bruder schwanger. Unverheiratet geschwängert und sitzen gelassen worden zu sein war in einem katholischen Bayerndorf auch Ende der sechziger Jahre noch ein Drama. Meine Großeltern waren alles andere als begeistert von diesen Neuigkeiten und doch konnten sie nichts anderes tun als meine Mutter unterstützen. Der hohe Preis, den Mama dafür bezahlte: Sie wurde fortan wie eine billige, unbezahlte Putzkraft von meiner Oma missbraucht. Nette Worte fand Oma nicht für sie, nur für ihre Enkelkinder und für die nach Tratsch süchtigen Nachbarinnen.
Als mein Bruder ein Jahr alt war lernte meine Mutter meinen Vater beim Tanzen kennen. Ein Wunder, dass Oma für das seltene Vergnügen meiner Mama auf das Baby aufgepasst hatte. Vielleicht hoffte sie einfach, dass ihre Tochter einen Mann fände, der sie trotz Kegel heiraten würde. Genau dies geschah wie durch ein Wunder auf der Tanzveranstaltung und der Grundstein für die Ehe meiner Eltern war gelegt, die meinen zweiten Bruder und mich hervorbrachte. Dass mein älterer Bruder mein Halbbruder war, erfuhr ich erst mit acht Jahren – und er selbst mit siebzehn. Wahrscheinlich dachten sich die Erwachsenen unserer Familie als sie ihm viel früher die Wahrheit hätten sagen müssen Das versteht er nicht. Und so wurde darüber olympisch geschwiegen.

Hallo Tina,
Interessante Geschichte! Positiv: Für mich liest es sich leicht, dein Schreibstil gefällt mir und ich freue mich auf eine Fortsetzung!
Negative Kritik bekommst du von mir nicht
Liebe Grüße Susi
Hallo Susi,
vielen Dank! Ich schreibe zwar vorwiegend für mich, aber wenn es anderen gefällt und ich Feedback bekomme, freuts mich umso mehr.
Liebe Grüße
Tina
Du bist aber fleissig! Und: Auch der zweite Teil gefällt mir
Weiter so!
Liebe Grüsse von Barbara
Hallo Barbara,
merci! Wenn mir etwas von Anns Leben durch den Kopf schwirrt, so muss ich es niederschreiben. Wenigstens für dieses Privatprojekt möchte ich das so beibehalten.
Liebe Grüße
Tina
Du hast mich übrigens dazu inspiriert, selbst wieder einmal ein Literatur-Projekt in Angriff zu nehmen. Letzten Sonntag hatte ich einen Traum, der mir endlich die langersehnte Idee dazu geliefert hat. Seither schreibe ich immer wieder mal ein bisschen. Aber so schnell wie du komme ich nicht vorwärts
Oh! Das hört sich spannend an. Vielleicht darf ich ja mal irgendwann testlesen, würde mich sehr freuen.
Am Wochenende will ich Anns Geschichte weitererzählen, damit ich nächste Woche einen neuen Teil veröffentlichen kann.
Wenn ich mit dem ersten Kapitel fertig bin, schicke ich es dir gerne mal zum Lesen. Sofern ich meine Geschichte bis dann nicht völlig blöd finde
Ich bin immer so perfektionistisch, furchtbar.
Ich stehe bereit und freue mich darauf.