Dorfidylle und ein Sarg

Ich verbiege mich nicht und doch verbog ich mich zu oft.
Verbogene Dinge gehören zu mir seit ich begriff, dass meine Welt nicht normal ist.
Nichts ist normal und doch ist alles normal.
Anders ist ein Grundtenor meiner Erfahrungswelt. Ich war immer anders.
Ich bin anders. Und doch bin ich wie andere.
Ich bin Ann.

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Trotz unausgesprochener Familiengeheimnisse und eines Vaters, der Alkoholiker war, erlebte ich meine Kindheit als geborgen. Die dörfliche Schein-Idylle trug ihren Teil dazu bei. Am schärfsten brannten sich mir sonntägliche Kirchgänge mit meinem Vater ins Gedächtnis, die mich oben vom Chorboden mit glänzenden Augen nach unten starren ließen. Manchmal stellte ich mir nasebohrend vor wie es wohl wäre von dort oben auf die großen, nackten Fliesen zu klatschen, bis mich mein Vater ermahnte, den Finger aus der Nase zu nehmen. Von den sich wiederholenden Glaubens-Festivitäten begeisterte mich am meisten die Erstkommunion und ließ mich von meiner träumen. In meinem kleinen, bayerischen Heimatdorf war diese Feierlichkeit ein Highlight. Meine eigene Erstkommunion war ein Drama. Wegen mir.

Wie in meinen schönsten Träumen der Jahre zuvor verließ ich die Kirchbänke nämlich am Ende der katholischen Zeremonie mit allen aufgehübschten Kindern und schritt aus dem Gotteshaus. Das kam in den Augen einiger Hardcore-Gläubiger Gotteslästerung gleich und sie ließen es mich spüren. Ich schiebe meinen Fauxpas noch heute auf den sauren Messwein, der uns verwandelt in Blut Christi zu trinken gereicht wurde.

Von oben vom Chorboden aus betrachtet gefiel mir einfach dieses Bild des synchronen Hinausgehens in meiner kindlichen Fantasie. Von unten betrachtet gefiel es dem Pfarrer und den Kommunionshelfern in der Realität nicht, dass ich den gottesehrerbietigen Knicks und das Kreuzzeichen vor dem Altar überging. Wegen mir versäumten alle frischen Vollkatholiken diesen wichtigen Akt, die zum ersten Mal den Leib Christi in Form einer Oblate und sein alkoholisiertes Blut empfangen hatten. Wie eine dumme Herde christlicher Schäfchen trotteten die Kommunionskinder in ihren weißen Kleidern und dunklen Anzügen hinter und neben mir her, hinaus in den strahlenden Sonnenschein. Als sei ich Jesus und sie meine Jünger.

Draußen fiel es auch der dümmsten Kartoffel auf – wir hatten trotz der unzähligen Proben gepatzt. Ich hatte gepatzt! Obwohl ich es nicht wollte hatten die Verantwortlichen mich auf die vorderste Kirchbank ganz nach außen und damit in die Verantwortung gezwungen. Mit üblem Ausgang. Ich fühlte mich beschissen. Andererseits: Mein Traum von früher hatte sich erfüllt. Die unheilige Macht meiner Träume – sie hatte begonnen.

Jahre zuvor hätte der Tod meiner Oma viel traumatisierender sein müssen als mein Kommunionsdebakel. (Von dem ich übrigens durch tagelanges Heulen genas.) Niemand befand es jemals aus meiner Familie für nötig, einer Vierjährigen zu erklären, warum Oma nicht mehr zurückkommen würde, warum sie weg war, wohin sie gegangen war. Das endgültige Ereignis wurde totgeschwiegen. Totschweigen hätte für unsere Familie eine olympische Disziplin werden müssen. Wir hätten den Goldmedaillenrang gerockt.

Was damals niemand wusste: Ich hatte mit großen Kinderaugen meine Oma in ihrem Sarg liegen sehen. Heimlich hatte ich mich auf meinen kurzen Beinen hinzu geschlichen, meinen Teddy fest an mich gepresst. Ich beobachtete den vor Anstrengung im Gesicht krebsroten Bestatter und seinen keuchenden Kollegen. Wie sie den leblosen Körper in den weiß ausgelegten Sarg hoben und darin betteten. Der Anblick ließ durch meinen Körper Ruhe fließen und Bilder des Friedens vor meinen Augen aufsteigen. Es war kein verstörendes, sondern ein heimisches Gefühl, das mich überkam.

Die Tränen meiner Mutter und die der anderen Trauergäste am Tag der Beerdigung verstörten mich jedoch schon etwas. Nicht aber die Tote. Ich bewunderte abgelenkt das farbenfrohe Blumenmeer um uns herum, das im harten Kontrast zur schwarz gekleideten Schar Menschen stand. Die Ansprache des Pfarrers geriet dabei in meinen Ohren zu einem unbedeutenden Rauschen. Noch heute höre ich aber das dumpfe, sich wiederholende Plok! als die Trauergäste nacheinander ein Schäufelchen voll dunkelster Erde und Blumen auf den teuren Eichensargdeckel warfen. Weihwasser spritzte in wilden Kaskaden über dem herabgelassenen Sarg tief in die Grube. Meine Mutter hielt mich derweil so fest an der Hand, dass es schmerzte. Der Leichenschmaus, dessen Name ebenso makaber war wie das neuerlich fröhlich-gezwungene Verhalten der Gäste, verscheuchte meine Frage, warum so viel geweint werde. Nur eine Antwort hatte mir Mutter noch am offenen Grab verheult zugeraunt: Das verstehst du nicht.

Jahre später erfuhr ich, dass die Tote, meine Oma, meine Abtreibung verlangte, als sie von meiner Mutter von der keimenden Frucht in ihr erfahren hatte.

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8 Antworten auf Dorfidylle und ein Sarg

  1. Michael sagt:

    Eine äußerst interessante Geschichte. Wenn Du dieses Blog auf dieser Schiene weiterfährst, hast du einen Stammleser ;-)

    • Frau Eisy sagt:

      Freut mich wirklich, dass dir Anns Geschichte bisher gefällt! Und wenn du als hochoffizieller Erst-Kommentator ein Stammleser werden würdest – wunderprächtig! :)

  2. Ivonne sagt:

    hach, wie ich diese dörfliche Schein-Idylle kenne, macht Spaß zu lesen.
    Freu mich auf die Fortsetzung.

    • Frau Eisy sagt:

      Schön, dass dir der Anfang von Anns Geschichte zusagt. Ich bin selbst ganz aufgeregt und gespannt, wo die Reise hinführen wird!

  3. Stephanie sagt:

    Hallo Ann(ders)

    “Im Netz liest man keine langen Texte” – Doch, wenn sie gut sind. Diese ist gut. Erfrischend lebendig, tief, neugiererweckend – auf Dich, auf die Geschichte. Es soll mehr als Phrasendrescherei sein, wenn ich sage: “Der Weg ist das Ziel!” Bleib wie Du bist, bleib Ann(ders)

    P.S.: Pass auf; wenn Du Dich einen Tages an einen Baum setzt. Bäume bergen Geheimnisse, die Du nicht kennst – vielleicht nicht einmal kennenlernen möchtest.

    • Ann sagt:

      Ach Stephanie, das hast du alles so schön gesagt… Ich danke dir für diese Worte! Die Angelegenheit mit dem Baum musst du mir mal irgendwann näher erklären, bis dahin setze ich mich lieber an den Wegrand. ;-)

  4. Liebe Tina, auch mir gefällt deine Geschichte sehr. Beim Lesen musste ich ein paar Mal schmunzeln. Deine Formulierungen erinnern mich ein wenig an die Schafe aus dem Roman Glennkill, die alles aus ihrer eigenen Perspektive betrachten und die Welt um sich herum ganz anders deuten als die (normalen oder nicht ganz so normalen) Menschen. Schwarzer Humor hat mir sowieso schon immer gut gefallen ;) Mach weiter so! Ich wünsche dir ein tolles und erholsames Wochenende :)

    • Frau Eisy sagt:

      Danke, Barbara! Ein sehr feines Feedback, das mich pusht. Wenn ich dich zum Schmunzeln gebracht habe, erreichte ich doch schon sehr viel. :-) Ich wünsche dir auch ein beschauliches Wochenende. :-)

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